Der perfekte Tag

Ich möchte heute 40 Minuten vor Unterrichtsbeginn in der Schule sein.
Ich möchte, dass die Kinder heute einen netten Tanzworkshop haben.
Ich möchte meinem Kollegium heute keine Last sein müssen.
Ich möchte heute einen perfekten Tag haben.
Ich möchte heute alles richtig machen.

Woah, dieses wechselhafte Wetter macht mich noch wahnsinnig, heute Nacht hat’s gerade noch geregnet. Nach einem Sommerregen fühlt sich die Luft kühler an. Eigentlich ganz nett. Aber mir ist’s zu warm. Und ich bin wieder viel zu warm angezogen. Die U-Bahn fährt super langsam und es gibt ständig viel zu lange Aufenthalte. Na toll, jetzt muss ich auch noch rennen für meinen Bus. Heh, heh! Ich spür den Schweiß. Keinen warmen Schweiß. Einen kalten Schweiß.

Puh, angekommen. Was sind das für Geräusche? Ist das draußen? Na bumm, Gott sei Dank bin ich diesem heftigen Wind gerade noch entkommen. Die Bäume wackeln ja sehr stark. Meine Kollegin kann doch nicht mit zum Tanzworkshop. Hilfe! Die Kinder haben sich schon so sehr gefreut. Ich brauche eine zweite Person. So blöd. Ich weiß, ich weiß, sie kann nichts dafür, es ist ein Notfall, aber was mach ich jetzt? Heh, heh! Ich spür meine Brust. Kein warmes Gefühl. Ein Stechen.

Puh, ein Kollege springt ein, kommt verspätet nach, zumindest etwas. Na, ich bin froh, dass wir nur in den großen Turnsaal im hinteren Teil des Schulgebäudes müssen. Der Sturm, der da draußen anfängt, ist ja gigantisch. Also, was der Sturm da gerade alles um die Gegend wirbelt. Als würde er die Atmosphäre reinigen. Interessant. Wir müssen los. Ein Kind weigert sich und umklammert das Tischbein. Wo ist mein Kollege? Wir müssen los. Ein weiterer Kollege hat Freistunde, er bleibt mit dem Kind, rollt mit den Augen und seufzt, aber bleibt mit dem Kind. Heh, heh! Ich spür meinen Magen. Keinen ruhigen Magen. Eher wie bei Übelkeit, Erbrechen.

Puh, wir sind im Turnsaal. Der Tanzworkshop beginnt. War das die Musikbox oder kam das von draußen? Das klang wie schallender Donner. Man kann so richtig hören, wie die Luftmassen aufeinanderprallen. Na servas.

Der Workshop ist vorbei. Ich muss so dringend aufs Klo, habe heute noch nichts gegessen und bin so unglaublich müde. Zuerst zurück in die Klasse, wir haben noch ein bisschen Zeit, bevor die Stunde zu Ende geht. Vielleicht bleibt der Kollege noch 5 Minuten. Ich brauche Energie. Heh, heh! Mein Kiefer, mein Bauch, meine Arme fühlen sich schwer an. Kein Muskelkater. Es sind Schmerzen.

Puh, schon viel besser nach dem Happen und dem Klogang.
Ich entlasse die Kinder beim Schultor. Die Sonne scheint. Sie gibt Energie, beruhigt nach dem Sturm. Ein Elternteil winkt mich her. Ob ich die Wibi-Nachricht gelesen habe, die es vor 7 Minuten geschickt hat. Morgen ist ein Termin beim Finanzamt, und wenn sie nicht heute die Schulbesuchsbestätigung haben, verzögert sich die Beihilfe. Sie brauchen jetzt sofort die Bestätigung. Wie soll ich das bitte machen? Das geht nicht, und die Direktion ist auch momentan krank. Heh, heh! Ich spür meine Lunge. Nicht frei und stark. Ich bin in Atemnot. Ich hole tief Luft.

Ich möchte ein Lob dafür, dass ich es aus dem Bett geschafft habe.
Ich möchte, dass auch die Kinder ihren Beitrag leisten.
Ich möchte im Kollegium um Hilfe bitten können.
Ich möchte den Tag so gut meistern, wie es in meinen Kräften liegt.
Ich möchte Fehler machen dürfen.

Kategorien: ZukuLumne

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Avatar-Platzhalter

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert