Elias

Lieber Opa,

Wir wünschen dir Alles Alles Gute zum Geburtstag!

Wir sind froh, so einen lieben und lustigen Opa zu haben, auch wenn du manchmal nicht so viel sagst und dann Krixi Kraxi in dein Heft machst.

Aber wir haben dich trotzdem lieb!

Dini und Phia und Sabsi und Oli

Es begann alles mit dem Tag, an dem Frau Nenzat aus der Nachbarschaft mich darum bat, auf ihren Sohn aufzupassen. „Er spricht nicht, nicht mit mir, nicht mit seinem Vater. Er zappelt nur den ganzen lieben langen Tag herum!“, sagte sie zu mir und ging. Der Junge zappelte tatsächlich ohne Rast durch seine Hütte, kreuz und quer, hin und her. Also setzte ich mich auf meinen Couchsessel und beobachtete. Ich beobachtete und stellte mir vor, wie die Welt dieses Jungen wohl aussehen mag, was er liebt, was er sagen könnte. Nach einer Weile griff ich zu meiner Gitarre und spielte ein paar Töne. Der Junge bemerkte die Musik und begann sich nun zu der Melodie, die aus der Gitarre kam, zu bewegen. Die Augen des Kindes begannen zu leuchten. Nach und nach erschien ein breites Lächeln auf seinem Gesicht. So verbrachten wir gemeinsam die Zeit mit Tanzen und Gitarrespielen. Als die Mutter zurückkam, um ihren Sohn abzuholen, sagte ich zu ihr: „Geben Sie ihm Musik und er wird mit Ihnen sprechen.“ 

Wenige Tage später klopfte es wieder an meiner Türe. Es war Herr Kenden, der angeblich über meine sonderbaren Fähigkeiten gehört haben sollte. Helga aus der Metzgerei hatte bestimmt wieder getratscht. Neben Herrn Kenden stand ein Mädchen, das in die Luft schaute. „Sie spricht nicht, nicht mit mir, nicht mit ihrer Mutter. Sie schaut nur den ganzen lieben langen Tag herum!“. Und mit diesen Worten ließ er das Mädchen an meiner Türschwelle stehen. Sie ging vorsichtig in die Stube hinein. Tatsächlich schaute und spazierte sie durch meine Hütte, kreuz und quer, hin und her. Also setzte ich mich auf meinen Couchsessel und beobachtete. Ich beobachtete und stellte mir vor, wie die Welt dieses Mädchens aussehen mag, was sie liebt, was sie sagen könnte. Dann beschloss ich sie auf ihren Spaziergängen durch das Haus zu begleiten und wenn sie stehen blieb, um sich etwas anzuschauen, tat ich das ebenfalls. Nach einiger Zeit stand der Vater des Mädchens an der Tür, um sie wieder abzuholen. Wir beide hatten nun Stunden miteinander verbracht, ohne uns einander auch nur anzusehen. Bevor sie zu ihrem Vater ging, der bereits an der Eingangstür auf sie wartete, umarmte sie mich besonders herzlich und lange. Ich sagte zum Vater: „Geben Sie ihr Zeit und sie wird zu ihnen sprechen.“

Seit Herr Kenden mit seiner Tochter bei mir war, bekam ich ganz schön oft Besuch. Tag für Tag kamen immer mehr Menschen mit ihren Kindern zu meiner Hütte, um Rat zu suchen. Auf diese Weise entdeckte ich das erste Mal die grenzenlose Welt der Sprachen.

Sie haben mich gefragt, ob ich beim Dorffest am 1. Juni einen Vortrag über die Sprache der Musik, die Sprache der Stille, die Sprache des Schreibens und des Malens halten kann. Ich weiß nicht, ob ich mich vor so vielen Menschen zu sprechen traue. Ich habe doch erst wenige Sprachen kennenlernt, es gibt noch weitaus mehr. Aber womöglich ist es schon einmal ein guter Anfang, wenn die Menschen wissen, dass es mehr Sprachen gibt als nur das Wort.

Helga aus der Metzgerei hat mich heute Morgen eine Legende genannt. Das finde ich äußerst seltsam. Und als ich sie gefragt habe, wieso ich eine Legende sei, hat sie erwidert, ich wäre der größte Sprachenfinder aller Zeiten. Ich, der alte Elias? Daweil bin ich nur ein älterer Mann in einer Holzhütte mit Hängematte und Kräuterbeet. Aber Helga hatte schon immer eine blühende Fantasie …

Heute Nachmittag habe ich vor meiner Tür ein Türschild gefunden. Es lag am Boden, keine Adresse, kein Name. Ich war mir unsicher, ob es für mich sein sollte. Als ich die Inschrift des Schildes las, wusste ich, es war an mich gerichtet. Es stand geschrieben: Entdecke Liebe in anderen Sprachen.

Kategorien: ZukuLumne

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